jahnna Halm, Tusche

jahnna Sternchen A, Tuschejahnnajahnna Strichmännchen AC, TuscheBuch der Wege

erinnern

Mein Erleben war weit, mein Fühlen und Denken liebevoll verbunden, ich nahm zugleich die Eindrücke meiner Sinne wahr, empfand meinen Körper, achtete seine eigenen Bewegungen und spürte. In all dem wurde mir bewusst, wie sehr ich mich früher abgelenkt hatte:

Wenn Angst oder Wut in mir auftauchten, hatte ich versucht, sie zu unterdrücken. Wenn Traurigkeit kam, war ich stehengeblieben und hatte sie einfach nur ausgehalten. Wenn Leid kam, hatte ich süße Produkte in mich gesteckt. Wenn Freude kam, hatte ich diese nicht ausgedrückt. Wenn Liebe kam, hatte ich mich in Übermütiges gestürzt, das ich bald danach bereute.

Wenn mein Körper Symptome zeigte, hatte ich versucht, sie ihm wieder zu nehmen. Wenn Mitmenschen mir eindrücklich begegneten, hatte ich meine eigenen Eindrücke außer Acht gelassen. Wenn nahe Menschen ihre Emotionen auf mich richteten, war ich ihnen nachgegangen, ohne mein eigenes Fühlen zu befragen. Wenn Gedanken kamen, die mir nicht behagten, hatte ich mich mit fremden Bildern und Gedanken gefüttert, nur um Eigenes nicht zu sehen und nicht zu fühlen.

Dieses nun bewusst zu erleben, in all dem wach und aufrecht zu stehen und mit mir und meinen Nächsten umzugehen, war nicht immer leicht. Das Leben gab mir Halt – wie wundersam schickte es mir zu jeder schweren Zeit Hilfe und Trost auf tausend und eine Weise. Es lehrte mich, dass bewusstes Erleben und Erkennen nur Schritte auf dem Weg zu einer tiefen inneren Arbeit sind:

Es gibt Altes und Ungelöstes in mir.

Es lehrte mich die Gabe des Erinnerns, die Weisungen der Gefühle und Vergebung.

Der junge Arthur (Geschichten zum Vorlesen Nr. 5)

Arthur wuchs mit seinem Bruder Kay auf. Vor ihrem Vater, ein tapferer und gewissenhafter Mann, verhielt sich Kay stets respektvoll. Doch wenn die Jungen unter sich waren, triezte Kay seinen um einige Jahre jüngeren Bruder und schickte ihn aus wie einen Leibeigenen. Doch Arthur liebte seinen Bruder und machte sich selbst Vorwürfe. Auch blieb ihm nicht unbemerkt, dass seine Mutter seinem Bruder eine Zärtlichkeit schenkte, die sie ihm vorenthielt. So lag ein Schimmer von Fremdheit über den Tagen seiner Jugend. Andere Jungen hänselten ihn wegen seiner rötlich-blonden Haare, die in dieser Gegend unüblich waren.

Eines Nachmittags kehrte er früh vom Spiel ins Haus. Still stand er in der Diele und hörte seinen Vater in der Stube mit der Mutter sprechen. Es war ihm abträglich zu lauschen, doch die Stimme des Vaters klang eindringlich und so konnte sich Arthur nicht erwehren durch das Schlüsselloch zu schauen. Er sah den Rücken seines Vaters und das Gesicht der Mutter vor sich, die ihrem Mann mit wachen Augen zuhörte. Er verstand nur wenig, denn der Vater sprach leise. Einmal glaubte er den Namen ‹Merlin› zu hören und dann folgte deutlich ein Satz, der ihn bis ins Mark erschütterte: «In weniger als zwanzig Monden wird er ihn holen.» Die Mutter drehte ihren Kopf zur Tür und sah ihm direkt in die Augen, als wenn sie seine Gegenwart gespürt hätte. Arthur erschrak, wandte seinen Kopf schnell ab und stahl sich lautlos aus dem Haus.

Er kletterte auf dem runden Felsen am Rande des Waldes und blickte in die Ferne. Das Bild der Mutter ließ ihn nicht los, ihre Augen, wie sie ihn angeschaut hatte, und mehr denn je war sie ihm fremd. Immer wieder sprach er leise den Namen ‹Merlin› und lauschte auf den Nachklang der Silben. Lange saß er still und aufrecht. Er hob seinen Blick zur Sonne, die den Tag lang hinter einer Decke aus Wolken verbracht hatte und in diesem Moment unter ihnen zum Vorschein kam. Mit einem Mal sah Arthur in seinem Innern einen Mann mit weißem, langem Bart vor sich, blickte in seine liebevoll funkelnden Augen und Arthur erstarrte, denn der Blick des Mannes ging bis in sein Innerstes. Eine mächtige Hand erschien vor seinem Gesicht und strich ihm über den Kopf. Schlagartig wurde ihm bewusst, dass er in den Händen dieses Mannes ganz klein ist. «Ich bin eigener Herkunft!» durchzuckte es ihn und in einer Woge der Erkenntnis wurde ihm klar, dass sein Vater und seine Mutter ihm nur Obhut gaben. Mit einem tiefen Atemzug richtete er sich auf dem Stein auf, füllte seine Brust mit der kühlen Luft der weiten Welt und über seine Wangen liefen Tränen, die bald auf sein altes Gewand tropften.

Beim nächsten Besuch in der nahen Stadt erstand er einen einfachen Ring, der dem ähnelte, den er an Merlins Finger gesehen hatte. Fortan legte er seine Hände zusammen, wenn sein Bruder ihn schalt oder er den Jungen gegenüber trat, und in der Berührung des Ringes erinnerte er sich, dass er mehr war, als er sein Leben lang geglaubt hatte zu sein.

[frei nacherzählt aus: Artus – König der Könige, John Matthews, illustriert von Pavel Tatarnikov, Urachhaus, 2009, Stuttgart]

PS: ‹Erinnern› ist eines der Worte mit der Vorsilbe ‹er›, siehe auch ‹erleben›. Es bedeutet im Ursprung: «ER im Innern» und damit: «das Leben selbst in sich haben».

zerrissen Trennstrich senkrecht A, Tusche eingebunden Trennstrich senkrecht B, Tusche verletzt Trennstrich senkrecht B, Tusche umfangen Trennstrich senkrecht C, Tusche getrennt Trennstrich senkrecht A, Tusche aufgestaute Gefühle Trennstrich senkrecht D, Tusche

Zeit Trennstrich senkrecht E, Tusche Vergangenheit Trennstrich senkrecht D, Tusche Wiedererleben Trennstrich senkrecht C, Tusche Unterschied Trennstrich senkrecht B, Tusche Augenblicke Trennstrich senkrecht A, Tusche Zukunft

veröffentlicht am 6.4.2016, letzte Änderung am 17.11.2016 um 16:00 Uhr

jahnna – das Buch der Menschen, schräg, Foto

jahnna – Buch der Menschen

Geschichten, Texte, Übungen und Meditationen zum bewussten Erleben

Christoph Steinbach und Jaipur
412 Seiten, gebunden, mit 22 Zeichnungen des Verfassers
22,98 € versandkostenfrei in DE, +2,99 € für AT und CH

jahnna Pfeil G, Tusche zum Buch

jahnna Buchstabe B, Tusche jahnna Info, Tusche

jahnna Sternchen X, Tuscheerleben  jahnna Sternchen B, Tuscheerkennen  jahnna Sternchen E, Tuscheerinnern  jahnna Sternchen P, Tuscheerwachen  jahnna Sternchen H, Tuscheerschaffen  jahnna Sternchen C, Tuscheerhaben  jahnna Sternchen J, Tuscheerlöst  jahnna Sternchen O, TuscheBlog  jahnna Sternchen G, Tuschefragen  jahnna Sternchen I, Tuscheüber