jahnna Halm, Tusche

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erinnern

Bewusstsein und Erkennen macht nicht unbedingt glücklich. Es ist eher im Gegenteil: All das Ungesehene, von dem du dich zuvor abgelenkt hast, ist nun in jedem Moment zugegen.

Wer bis hierhin gelangt ist, kommt an einen Punkt der Entscheidung: Gehst du weiter auf dein Ganzsein zu oder lässt du dich in Ablenkung zurückfallen?

Um in diesen Zeiten nicht zu erschöpfen oder zu verzweifeln, ist es notwendig, dich immer wieder, auch gemeinsam, zu erinnern, an das Erkannte, das Wesentliche und das für dich wahrhaft, wirklich Bedeutsame.

Erinnern ist mehr als Denken. Es ist ein Wiedererleben.

Der junge Arthur (Geschichten zum Vorlesen Nr. 4)

Arthur wuchs mit seinem Bruder Kay auf. Vor ihrem Vater, ein tapferer und gewissenhafter Mann, verhielt sich Kay stets respektvoll. Doch wenn die Jungen unter sich waren, triezte Kay seinen um einige Jahre jüngeren Bruder und schickte ihn aus wie einen Leibeigenen. Doch Arthur liebte seinen Bruder und machte sich selbst Vorwürfe. Auch blieb ihm nicht unbemerkt, dass seine Mutter seinem Bruder eine Zärtlichkeit schenkte, die sie ihm vorenthielt. So lag ein Schimmer von Fremdheit über den Tagen seiner Jugend. Andere Jungen hänselten ihn wegen seiner rötlich-blonden Haare, die in dieser Gegend unüblich waren.

Eines Nachmittags kehrte er früh vom Spiel ins Haus. Still stand er in der Diele und hörte seinen Vater in der Stube mit der Mutter sprechen. Es war ihm abträglich zu lauschen, doch die Stimme des Vaters klang eindringlich und so konnte sich Arthur nicht erwehren durch das Schlüsselloch zu schauen. Er sah den Rücken seines Vaters und das Gesicht der Mutter vor sich, die ihrem Mann mit wachen Augen zuhörte. Er verstand nur wenig, denn der Vater sprach leise. Einmal glaubte er den Namen ‹Merlin› zu hören und dann folgte deutlich ein Satz, der ihn bis ins Mark erschütterte: «In weniger als zwanzig Monden wird er ihn holen.» Die Mutter drehte ihren Kopf zur Tür und sah ihm direkt in die Augen, als wenn sie seine Gegenwart gespürt hätte. Arthur erschrak, wandte seinen Kopf schnell ab und stahl sich lautlos aus dem Haus.

Er kletterte auf dem runden Felsen am Rande des Waldes und blickte in die Ferne. Das Bild der Mutter ließ ihn nicht los, ihre Augen, wie sie ihn angeschaut hatte, und mehr denn je war sie ihm fremd. Immer wieder sprach er leise den Namen ‹Merlin› und lauschte auf den Nachklang der Silben. Lange saß er still und aufrecht. Er hob seinen Blick zur Sonne, die den Tag lang hinter einer Decke aus Wolken verbracht hatte und in diesem Moment unter ihnen zum Vorschein kam. Mit einem Mal sah Arthur in seinem Innern einen Mann mit weißem, langem Bart vor sich, blickte in seine liebevoll funkelnden Augen und Arthur erstarrte, denn der Blick des Mannes ging bis in sein Innerstes. Eine mächtige Hand erschien vor seinem Gesicht und strich ihm über den Kopf. Schlagartig wurde ihm bewusst, dass er in den Händen dieses Mannes ganz klein ist. «Ich bin eigener Herkunft!» durchzuckte es ihn und in einer Woge der Erkenntnis wurde ihm klar, dass sein Vater und seine Mutter ihm nur Obhut gaben. Mit einem tiefen Atemzug richtete er sich auf dem Stein auf, füllte seine Brust mit der kühlen Luft der weiten Welt und über seine Wangen liefen Tränen, die bald auf sein altes Gewand tropften.

Beim nächsten Besuch in der nahen Stadt erstand er einen einfachen Ring, der dem ähnelte, den er an Merlins Finger gesehen hatte. Fortan legte er seine Hände zusammen, wenn sein Bruder ihn schalt oder er den Jungen gegenüber trat, und in der Berührung des Ringes erinnerte er sich, dass er mehr war, als er sein Leben lang geglaubt hatte zu sein.

[frei nacherzählt aus: Artus – König der Könige, John Matthews, illustriert von Pavel Tatarnikov, Urachhaus, 2009, Stuttgart]

PS: ‹Erinnern› ist eines der Worte mit der Vorsilbe ‹er›, siehe auch ‹erleben›. Es bedeutet im Ursprung: «ER im Innern» und damit: «das Leben selbst in sich haben».

Zerrissenheit Trennstrich senkrecht A, Tusche Eingebundensein Trennstrich senkrecht B, Tusche Umfangenheit Trennstrich senkrecht C, Tusche Unterschied Trennstrich senkrecht D, Tusche heilige Augenblicke

veröffentlicht am 6.4.2016, letzte Änderung am 19.8.2016 um 14:00 Uhr

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